21.07.2016

Ich liebe dich, aber ein Wolf soll dich fressen


 Ich liege zusammengerollt auf dem alten Sessel meines Großvaters und frage mich, warum es nicht möglich ist in diesen Momenten mit dem Denken aufzuhören. Ich suche einen Knopf an meinem Körper, um die lästige Stimme in meinem Kopf abzustellen, ich finde aber keinen. Dabei gibt es doch für alles Knöpfe, mit denen variable Dinge an und wieder augestellt werden können. Nur für die wirklich wichtigen Dinge, wie das Denken, gibt es keine.

Der Tag dauert nun schon eine Ewigkeit, weil alles ganz ruhig ist und ich auf diesem alten Sessel liege und zusehe wie kleine und große Schatten über den Himmel und die Wände ziehen. Die Stunden vergehen wie Jahre und ich stehe auf und fange an mich im Takt des Zeigerschlags zu drehen. Der Sessel knarzt leise, als würde er sich beschweren, dass ich auf ihm stehe, aber es ist mir egal, weil er meine Schmerzen auch nicht versteht.

Der Sessel ist ein Erbstück meines Großvaters, der sein ganzes Leben auf ihm verbracht hat. Zumindest kam es mir so vor. Manchmal stelle ich mir vor, dass der Sessel untrennbar mit dem Geist meines Großvaters verbunden ist, so wie ich mein ganzes Leben mit meinem Kopf untrennbar verbunden sein werde.

Der Sessel sah vieles, schließlich stand er schon in meiner Wohnung, bevor du beschlossen hast zu gehen. Er weiß, dass du ein Muttermal auf deinem Schulterblatt hast. Er sah, wie du abends neben mir auf dem kühlen Holzboden lagst und wir Wein tranken. Er hat gesehen wie wir so oft Nachts bei geöffneten Fenstern zu leiser Jazzmusik tanzten, oder still auf dem Boden saßen und du versuchtest, meine Gedanken zu lesen.
 
Ich wollte nicht, dass du zurückkommst, schon lange nicht mehr. Und jetzt sitze ich auf meinem alten Sessel, dessen weinroter Stoff schon so viel gesehen hat, trinke Wein und deine Rückkehr ist mir so bewusst wie nie zuvor. Ich stehe auf und mein Rücken knackst laut. Ein Jahr kann eine lange Zeit sein und irgendwann habe ich aufgehört die Tage und Monate zu zählen und stattdessen Knöpfe gesucht, um die Gedanken abzustellen. Gefunden habe ich sie nie. Und jetzt hallt deine Stimme durch den Hörer, den ich mir schwor, nie abzunehmen.


Keine Kommentare: