06.09.2017

Wie sich Blätter fühlen, wenn sie ihre Farbe wechseln

Du sitzt auf der Bordsteinkante, aber niemand erzählt eine Geschichte. Deine Füße baumeln in der Luft. Und du bist dir ganz sicher, dass da vor ein paar Tagen noch eine Straße war. Genau hier. Im Nichts. Auch Bäume standen hier. Ziemlich viele von ihnen. Das weißt du genau, denn du hast dich zwischen den Jahreszeiten stets gefragt, wie sich ihre Blätter wohl fühlen, wenn sie ihre Farbe wechseln – und am Ende verlieren.


Aber da ist nichts. Keine Straße. Keine Bäume. Nichts, auf das du deine Füße setzen oder worin du deine Zähne versenken kannst.

Und
kein Suchen,
kein Fluchen
bringt es zurück.
Kein Versuchen.
Kein Verfluchen.
Nichts.


Und alle, alles hat ein Ende, sagt sie. Doch während sie das sagt, behauptet ein verdrehter Buchstabe das Gegenteil. Doch während er das behauptet, verabschiedet sich auch der Gehweg hinter deinem Rücken. Geh ruhig weg, Gehweg. Geh weg, flüsterst du. Und nimmst ihm das Fortgehen nicht übel. Was soll er auch tun, wenn es ihm beinahe in den Stein gemeißelt wurde? Halb so wild - wirklich. Alles halb so wild. In letzter Zeit läufst du sowieso überwiegend auf Grenzsteinen. Vielleicht verschwindet auch die Bordsteinkante irgendwann. Ja, vielleicht. Dann sind es siebzehn Zeilen und zwei Worte. Dann sind es eineinhalb Seiten aus Papier, die dich auffangen, wenn du fällst.

30.08.2017

Graustufen

Manchmal würde ich dir gerne erklären, dass nicht alles und jeder schlecht ist und dass es schon wieder wird, auch wenn du nicht daran glaubst. Dass du lernen musst, im Jetzt zu leben, die Momente zu genießen, auch wenn sie noch so kurz sind. Dass das Leben viele Prüfungen für dich bereit hält und du stärker und ein klein wenig mutiger aus jeder Situation herausgehen wirst, egal wie ausweglos sie dir am Anfang erscheint. Dass das Glas stets halbvoll und nicht halbleer ist. Dass die Sonne nicht nur untergeht, sondern auch für dich scheint.

Ich könnte dich an die Hand nehmen und dir für jeden Müll, der unseren Weg markiert, eine blühende Blume, einen zwitschernden Vogel oder ein scheues Eichhörnchen im Gegenzug zeigen. Ich könnte dir sagen, dass es immer einen neuen Morgen gibt, der dir wieder viele Möglichkeiten schenkt. Ein neuer Tag, ein neues Glück. Und dass die Welt nicht untergeht, wenn etwas mal nicht so läuft, wie du es für dich geplant hast.

Ich möchte dir sagen, dass die Menschen verzeihen können und oft füreinander da sind und einstehen. Und dir durch meine Anwesenheit beweisen, dass das stimmt und nicht nur hohles Gelaber ist, wie du so oft sagst. Dass es Nächstenliebe gibt, die auch gelebt wird.

Ich würde dir gern beibringen, mehr Optimist denn Pessimist zu sein. Dass bei all dem Schwarz und Weiß die Graustufen dazwischen entscheidend sind. Denn darauf kommt es wohl im Leben an. Damit man zufrieden ist. Damit man morgens gerne in den Spiegel schaut. Damit man das Leben erkennt als das, was es ist: ein Geschenk.

Das Alles würde ich dir gerne begreiflich machen, damit du es ein bisschen leichter hast im Leben. Und auch deshalb, weil ich viel zu oft selbst nicht daran glauben kann.
 
 

12.05.2017

Unter Strom

Entscheidungen zu treffen war nie deine Stärke.
Ungewissheit
weil du nicht denkst was du sagst
und nicht sagst was du denkst
und schon gar nicht agierst
wie deine Worte es erwarten lassen.

Nähe
wenn du bei mir bist
sind alle Zweifel weggeblasen
nicht nur die meinen, auch die deinen
das sehe ich dir ganz genau an.

Müde
von dem vielen Hin und Her
weil du nicht weißt was du willst
und dich auch nicht traust wenn du es wüsstest
vor lauter Angst, die ich dir nicht nehmen kann.

Gemeinsamkeiten
so erschreckend viele
seit Beginn unserer Geschichte
wissen wir das beide nur all zu genau
und es ist ein wenig beängstigend, ich weiß.

Stagnation
Wir machen so viel Wind
Und treten doch nur auf der Stelle
Eigentlich bereit jetzt los zu laufen
Warten beide einzig auf ein Signal.

Verständnislosigkeit
darüber was wir in uns auslösen
was das mit uns macht
Und wir drehen weite Kreise
In uns und um uns rum.

Leidenschaft
und Begehren und Sehnsucht
und noch viel mehr von alledem
wenn wir uns sehen und spüren
und mittlerweile auch bei physicher Distanz

Ankommen
kann ich nur bei dir
Nimm mich bei der Hand
sag es ist okay
und ich verspreche dir ich lass dich nicht mehr los.
 
 

25.04.2017

Nichts bereuen

"Hey!“

Sie tippt mir von hinten auf die Schulter und steht dabei ganz dicht hinter mir. Die Musik ist nicht laut genug, um die Vertrautheit des Klangs ihrer Stimme zu verschlucken. Es bleibt nicht viel Zeit, um darüber nachzudenken, was mich erwartet. Und dann ein Gefühl von Erleichterung. Wir beide lächeln und ein Stück Vergangenheit wird wieder real. Gefühlte tausend Begrüßungen fallen mir spontan ein und immer genau dieses eine Lächeln ließ mich wissen, alles ist gut. Ich schüttel leicht mit dem Kopf, vielleicht um die Bilder aus dem Kopf zu kriegen oder ihr einfach nur zu signalisieren, dass ich perplex bin.
„Hey!“ sage ich zurück und bevor ich begreife, was ich tue, schließen sich meine Arme um ihren Körper. Sie ist dünner geworden und riecht anders. Ihr Haar trägt sie nun viel kürzer. Ich spüre ihre kleinen Hände durch den Stoff meines Shirts auf meinem Rücken. Es fühlt sich gut an.

Ich weiß nicht, ob es der Alkohol ist, aber es sprudelt aus ihr heraus. „Das gibt’s ja nicht. Was machst du hier? Besuchst du wen? Unfassbar plötzlich wieder neben dir zu stehen.“ Mit einem Gefühl von Scham antworte ich zögernd. Vielleicht weil ich sie nicht vorgewarnt hatte, als ich vor Monaten den Entschluss gefasst hatte. „Ich bin zurück. Vor einer Woche bin ich wieder hierhin gezogen.“ Und auf einmal scheint es in dieser überfüllten Bar nur noch uns zu geben. Ich kann ihren Blick nicht deuten. Sie nickt und senkt ihren Kopf zu Boden und hört nicht auf zu nicken. Hier hatte vor fünf Jahren alles begonnen, nicht in dieser Bar, aber in dieser Stadt. Unserer Stadt.
Ich sehe sie wieder auf meiner Matratze sitzen. Damals vor zwei Jahren. Ihre Arme hatte sie um ihre angewinkelten Beine geschlungen, die Knie mit Tränen benetzt. Ich durfte sie nicht berühren, zu sehr hatte sie meine Entscheidung, dieser Stadt für immer den Rücken zu kehren, geschockt. Sie sagte damals nichts, aber die Frage, was aus uns werden würde, warum mir das nicht mehr bedeutete, hing so spürbar in der Luft, dass es auch in meinen Augen brannte. Nur fanden die Tränen vor Jahren keinen Weg nach draußen. So sicher war ich mir, dass ich es nicht bereuen würde. Niemals.

Ich lege meine Hand auf ihre rechte Schulter. Sie schüttelt sie ab. Als sie wieder hoch blickt, lächelt sie. Ein Lächeln, das ich nicht kenne. Irgendetwas zwischen Hoffnung und Enttäuschung blitzt aus ihren Augen und brennt wie damals in meinen. Ich frage sie, mit wem sie da sei und ihr Blick deutet schräg links hinter mich. Ich drehe mich um. Ein gutaussehender Typ nickt mir zu. Er hatte uns also beobachtet. Es schmerzt im Herzen – kurz und heftig. „Wir sind nicht zusammen. Ein Freund. Olli.“ In dem Moment dreht er sich zu einer Gruppe um und redet weiter in die Runde hinein, schenkt uns keine Beachtung mehr.

Im Gegensatz zu ihr hatte ich den Vorteil mich die letzten sieben Tage genau auf diese Situation vorbereiten zu können. Im Rewe, im Café von damals oder einfach nur an der Bahnhaltestelle hatte ich mit ihr gerechnet. Noch hatte ich ihr nicht gesagt, dass uns wie damals nur zwei Straßen trennen. Oft hatte ich mich in den letzten Tagen dabei ertappt einen Umweg durch ihre Straße, vorbei an ihrer Wohnung, zu gehen. Zweimal brannte Licht und ich stand schon vor der Haustür, festentschlossen zu klingeln. Einfach Hallo sagen und schauen, wie es ihr geht. Aber als der Finger ihre Klingel berührte, ein Flashback nach dem anderen und schon war ich wieder auf dem richtigen Weg oder einfach nur auf einem anderen. Und am Abend wusste ich: es war der falsche.

Zwei Jahre, in denen ich viel erlebt hatte, Gesichter kamen und gingen, und mit ihnen die gemeinsamen Geschichten. Eine andere Großstadt und dann noch eine. Ein anderes Land und noch eins und dann wieder zurück. Doch egal, wo ich war, ein Song, ein Duft, bestimmte Worte brachten mich immer wieder zurück zu ihr. Unzählige Emails verfasst und nie gesendet, Postkarten geschrieben, frankiert und am Ende zerrissen und in Mülleimer geworfen. Das Eingeständnis, jemanden zu vermissen, den man glaubte, bewusst hinter sich gelassen zu haben.

Aber jetzt hier, mitten in der Bar, in der die Luft nach Sich-Finden-Lassen stinkt, der Alkohol im Blut zirkuliert, zu gestehen, dass ich eine falsche Entscheidung getroffen hatte, kann ich nicht bringen. Um ihretwillen. Sie hat mehr verdient. Ein ruhiges Gespräch, Millionen an Erklärungen, aber vor allem Zeit zu verarbeiten, dass ich wieder da bin.
Ich frage sie, ob sie etwas trinken möchte. Sie lächelt, aber verneint mein Angebot. Sie legt ihre Hand auf meinen Arm, rückt näher an mich heran, damit ich ganz sicher verstehe, was sie sagt: „Weißt du? Züge fahren ab.“ Sie lässt mich stehen, geht zurück zu ihrem Freund, mir den Rücken zugewandt lacht sie in die Runde.

Sie hat nichts zu bereuen.

17.03.2017

Vielleicht bin ich dein Abenteuer


Wir zählen die Tage für den Exzess, die Leidenschaft der Fremde, für all die Momente, die kommen werden und in denen wir uns verlieren. Wir werden Straßen entlanglaufen, entscheiden uns gegen barfuß, weil wir noch über Zäune klettern müssen.

Ich bin vielleicht dein Abenteuer, aber nicht dein Zuhause und als wir letzte Nacht mit Menschen zusammen stießen, die keine Ahnung von Begeisterung hatten, steigerte sich unsere Faszination für die verlorenen Lichter der Nacht. Auf dem Nachhauseweg fragte ich mich, ob die morgen vorhandenden blauen Flecken an meinem Körper vom Zusammenstoßen stammen werden oder von den Gefühlen, die du mir zuschreibst, zuschreist, zuschmeißt.

Dann stolper ich gelegentlich über meine eigenen Worte, verlange nach Auszeiten und Pausen, ersehne Fernweh aus deinem Munde und auch wenn du mir meine Wünsche nicht erfüllen willst, kannst du trotzdem nicht wiedersprechen. Du sagst dann immer, es könnte nah sein, es könnte fern sein, es könnte romantisch sein und es könnte dreckig sein. Es könnte weh tun, es wird mit Sicherheit weh tun, und in all dem merkt man, dass man lebt, dass Dinge passieren. 




Morgens aufzuwachen, sich selber suchen, danach erst die im Zimmer verteilten Kleider aufsammeln, das eigene Zimmer verlassen um in den Morgen hinauszutreten, sich erinnern an die vergangenen Augenblicke, den Schmerz spüren, die Sehnsucht fühlen, das Glück empfinden, den Atem verlieren, den Blick wenden und lächeln. Sich verkauft fühlen, merken, dass ich den Krieg mit dir niemals gewinnen werde, jedoch auch nicht verlieren.

Wir sind beide Kinder der Träume, du bist meine schönste Vorstellung. Wir bleiben nächtelang auf, wir zerrinnen in unseren Stimmen und bitten immer wieder um Verständnis für Illusion und Funktionen, die wir entbehren, um uns selber mehr Wertschätzung zu gewähren. Ich will dir alles geben. Will dich fühlen und verlieren und wiederfinden. Die Nächte mit zu viel Alkohol, auf die richtige Zeit hoffen, auf den richtigen Augenblick und auf den letzten Zug dorthin, was andere zu Hause nennen und ich nur gelegentlich als einen Übergang erwähne.

Manchmal treffe ich dich noch am Bahnhof oder an Straßenbahnstationen. Meistens nachts. Du erinnerst mich dann immer an meine letzte Möglichkeit ins Bett zu gelangen und ich sage dir immer wieder, dass ich gar nicht ins Bett will. Du lächelst dann, wir gehen tanzen, verachten uns, lieben uns, schreien uns an, schweigen, bringen uns mit Gefühlen um, trinken zu viele schwere Gedanken und zu harten Alkohol. Im Winter leihst du mir deine warmen Hände, ich dir mein Bett. Aber immerhin atmen wir noch.