08.11.2017

23 Minuten nach Mitternacht

23 Minuten nach Mitternacht in einer Küche mit 19,1 Grad Celsius. In Zeiten, in denen ich mich ständig irgendwo festhalten muss: An Küchenarbeitsplatten, an Schränken, an Worten. Auch wenn kein Boden vorhanden ist, Schweben ist ein anderer Zustand. Das was ich fühle ist fremd. Keine Fremde im Sinne von Leere;  das ist ein anderes Gefühl. Die leere Fremde kenne ich. Fremde Räume, fremde Menschen, Fremde als Gemütszustand. Es ist, als sei man schwerelos, aber sich seiner Beine sehr bewusst. Ein wenig zu bewusst. Es fällt schwer, zu rennen. Meine Grenzen sind präsenter als noch vor ein paar Jahren


06.09.2017

Wie sich Blätter fühlen, wenn sie ihre Farbe wechseln

Du sitzt auf der Bordsteinkante, aber niemand erzählt eine Geschichte. Deine Füße baumeln in der Luft. Und du bist dir ganz sicher, dass da vor ein paar Tagen noch eine Straße war. Genau hier. Im Nichts. Auch Bäume standen hier. Ziemlich viele von ihnen. Das weißt du genau, denn du hast dich zwischen den Jahreszeiten stets gefragt, wie sich ihre Blätter wohl fühlen, wenn sie ihre Farbe wechseln – und am Ende verlieren.


Aber da ist nichts. Keine Straße. Keine Bäume. Nichts, auf das du deine Füße setzen oder worin du deine Zähne versenken kannst.

Und
kein Suchen,
kein Fluchen
bringt es zurück.
Kein Versuchen.
Kein Verfluchen.
Nichts.


Und alles, alles hat ein Ende, sagt sie. Doch während sie das sagt, behauptet ein verdrehter Buchstabe das Gegenteil. Doch während er das behauptet, verabschiedet sich auch der Gehweg hinter deinem Rücken. Geh ruhig weg, Gehweg. Geh weg, flüsterst du. Und nimmst ihm das Fortgehen nicht übel. Was soll er auch tun, wenn es ihm beinahe in den Stein gemeißelt wurde? Halb so wild - wirklich. Alles halb so wild. In letzter Zeit läufst du sowieso überwiegend auf Grenzsteinen. Vielleicht verschwindet auch die Bordsteinkante irgendwann. Ja, vielleicht. Dann sind es siebzehn Zeilen und zwei Worte. Dann sind es eineinhalb Seiten aus Papier, die dich auffangen, wenn du fällst.

30.08.2017

Graustufen

Manchmal würde ich dir gerne erklären, dass nicht alles und jeder schlecht ist und dass es schon wieder wird, auch wenn du nicht daran glaubst. Dass du lernen musst, im Jetzt zu leben, die Momente zu genießen, auch wenn sie noch so kurz sind. Dass das Leben viele Prüfungen für dich bereit hält und du stärker und ein klein wenig mutiger aus jeder Situation herausgehen wirst, egal wie ausweglos sie dir am Anfang erscheint. Dass das Glas stets halbvoll und nicht halbleer ist. Dass die Sonne nicht nur untergeht, sondern auch für dich scheint.

Ich könnte dich an die Hand nehmen und dir für jeden Müll, der unseren Weg markiert, eine blühende Blume, einen zwitschernden Vogel oder ein scheues Eichhörnchen im Gegenzug zeigen. Ich könnte dir sagen, dass es immer einen neuen Morgen gibt, der dir wieder viele Möglichkeiten schenkt. Ein neuer Tag, ein neues Glück. Und dass die Welt nicht untergeht, wenn etwas mal nicht so läuft, wie du es für dich geplant hast.

Ich möchte dir sagen, dass die Menschen verzeihen können und oft füreinander da sind und einstehen. Und dir durch meine Anwesenheit beweisen, dass das stimmt und nicht nur hohles Gelaber ist, wie du so oft sagst. Dass es Nächstenliebe gibt, die auch gelebt wird.

Ich würde dir gern beibringen, mehr Optimist denn Pessimist zu sein. Dass bei all dem Schwarz und Weiß die Graustufen dazwischen entscheidend sind. Denn darauf kommt es wohl im Leben an. Damit man zufrieden ist. Damit man morgens gerne in den Spiegel schaut. Damit man das Leben erkennt als das, was es ist: ein Geschenk.

Das Alles würde ich dir gerne begreiflich machen, damit du es ein bisschen leichter hast im Leben. Und auch deshalb, weil ich viel zu oft selbst nicht daran glauben kann.
 
 

21.07.2017

Halb und ganz

Nichts oder beides, sage ich, wenn ich unsere Zeilen und alles dazwischen betrachte. Ist doch nur eine Frage der Interpretation, das ist alles.
Du bist nicht „nichts Halbes und nichts Ganzes“. Du bist etwas Halbes, zwischen Zuneigung und Liebe, und gleichzeitig etwas Ganzes, dem ich eigentlich gar keinen Namen geben möchte.

Ich bin kein Mädchen für eine Nacht, schlafe nicht mit Menschen, mit denen ich nichts teile. Du, du magst da vielleicht anders sein. Und das darfst du auch. Nichts davon muss ich wissen, nichts davon geht mich etwas an. Kein Recht und kein Verlangen auf dieses Wissen, nur manchmal Eifersucht. Natürlich will ich dich für mich, wer würde das nicht wollen? Wer will nicht das Größte sein, für irgendjemanden oder für dich? Doch ich will nicht dich für mich. Bei uns ging es nie um richtig oder falsch. Es war nur unabdinglich. Wir kreisten umeinander, Monate, jahrelang, tanzten spielerisch und letztendlich heftig, kennen uns so gut und doch gar nicht.

Ich weiß, wer du bist. Doch eigentlich weiß ich viel zu wenig von dir und noch weniger über dich. Es fällt schwer, dich einzuschätzen, meine sonst so zuverlässige Menschenkenntnis versagt. Dein Leben ohne mich bleibt ein Rätsel. Ich weiß nicht, wer du für die Welt bist und wer ich für dich bin, doch ich weiß, wer du für mich bist. Du bist mein Zwischending. Mein geteiltes Lächeln. Meine Sommernächte. Meine Gedanken. Eigentlich nichts Rätselhaftes, und doch irgendwie so viel mehr.

12.05.2017

Unter Strom

Entscheidungen zu treffen war nie deine Stärke.
Ungewissheit
weil du nicht denkst was du sagst
und nicht sagst was du denkst
und schon gar nicht agierst
wie deine Worte es erwarten lassen.

Nähe
wenn du bei mir bist
sind alle Zweifel weggeblasen
nicht nur die meinen, auch die deinen
das sehe ich dir ganz genau an.

Müde
von dem vielen Hin und Her
weil du nicht weißt was du willst
und dich auch nicht traust wenn du es wüsstest
vor lauter Angst, die ich dir nicht nehmen kann.

Gemeinsamkeiten
so erschreckend viele
seit Beginn unserer Geschichte
wissen wir das beide nur all zu genau
und es ist ein wenig beängstigend, ich weiß.

Stagnation
Wir machen so viel Wind
Und treten doch nur auf der Stelle
Eigentlich bereit jetzt los zu laufen
Warten beide einzig auf ein Signal.

Verständnislosigkeit
darüber was wir in uns auslösen
was das mit uns macht
Und wir drehen weite Kreise
In uns und um uns rum.

Leidenschaft
und Begehren und Sehnsucht
und noch viel mehr von alledem
wenn wir uns sehen und spüren
und mittlerweile auch bei physicher Distanz.

Ankommen
kann ich nur bei dir
Nimm mich bei der Hand
sag es ist okay
und ich verspreche dir ich lass dich nicht mehr los.